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Inventar-Nr: F.A.05570
Objekt: Fotografie


Abschlussgottesdienst auf dem Kirchentag am 09.07.1989 in Leipzig

Das Foto zeigt Teilnehmer des offiziellen Abschlussgottesdienstes im Rahmen des Kirchentages der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche am 09.07.1989 auf der Rennbahn im Scheibenholz in Leipzig. In der Bildmitte ist ein Kran zu erkennen, an dem eine Rakete als Zeichen der Bedrohung nach oben gezogen wurde. Später wurde sie gegen einen Erntekranz als Zeichen des Lebens ausgetauscht. Dies war Teil der offiziellen Abschlussveranstaltung.

Nach 1954 und 1978 fand vom 6. bis 9. Juli 1989 erstmals wieder ein Kirchentag in Leipzig statt. Bereits im Vorfeld beschlossen die SED und das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) umfangreiche Maßnahmen zur Verhinderung des "politischen Missbrauchs" des Kirchentages der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche. Der Kirche war es vom Staat erlaubt worden, öffentlich für den Kirchentag mit dem Motto "Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst" zu werben. Im Gegenzug sollte sie die oppositionellen Gruppen weitgehend ausgrenzen.
Auf staatlichen Druck hin verzichteten die Veranstalter deshalb bewusst auf politische Themen. Die Leipziger Oppositionsgruppen organisierten daher in der Lukaskirche einen Statt-Kirchentag, an dem etwa 2.500 Personen teilnahmen. Hier trafen sich Oppositionelle aus der ganzen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) und tauschten sich über die aktuelle Lage sowie über Konzepte und künftige Aktionen aus. Aber auch auf den offiziellen Kirchentagsveranstaltungen thematisierten Teilnehmer und Besucher wiederholt politische Probleme und forderten Veränderungen in der DDR.

Während der Abschlussveranstaltung des Kirchentages auf der Galopprennbahn im Scheibenholz, die von etwa 60.000 Menschen besucht wurde, organisierten Basisgruppenmitglieder eine öffentliche Protestaktion. Sie entrollten Transparente mit den Aufschriften "Nicht noch mal! Wahlbetrug" und "Demokratie", letzteres auf Deutsch und Chinesisch. Den Versuch, mit den Transparenten auf die Bühne zu gelangen, verhinderten kirchliche Ordnungskräfte.
Immer mehr Besucher jedoch schlossen sich der Aktion an und knüpften aus bunten Bändern ein dichtes Netz. Schließlich zogen etwa 800 bis 1.000 Personen auf die Straße und bewegten sich in Richtung Innenstadt.
Die Sicherheitskräfte verhinderten die Demonstration aufgrund der Präsenz internationaler Beobachter nicht. Am Floßplatz entrissen Mitarbeiter der Staatssicherheit den Demonstranten das Transparent und zerrten es in eine Straßenbahn. Den weiteren Weg in die Innenstadt versperrten Polizeiketten. Deshalb zogen die Demonstranten in die nahe gelegene Peterskirche, wo die Aktion mit einer spontanen Andacht ihren Abschluss fand.


Sammlung: Friedliche Revolution, Sonstiges
Datierung: 09.07.1989
Fotograf: Schaarschmidt, Ute




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ausgedruckt am 20.01.2022